Der Mainzer Hauptfriedhof - ein lebendiger Ort

Der Mainzer Hauptfriedhof wurde 1803 gegründet; seine Wurzeln reichen jedoch bis in die vorrömische Zeit. Als die Römer die Stadt "Moguntiacum" gründeten (ca. 17 v. Chr.) wurde das Zahlbach-Tal einer der Begräbnisstätten römischer Soldaten und Bürger. Im frühen Mittelalter wurden hier die Bischöfe von Mainz begraben, so z.B. der Heilige Aureus im 5. Jahrhundert, bis deren Gebeine später ins Albankloster umgebettet wurden. Von dieser Tradition zeugte die Aureuskapelle, die im Februar 1945 zerstört wurde.

Nachdem Napoleon Mainz erobert hatte, setzte der Präfekt von Mayence, Jeabon St. André, 1803 den Beschluss der Nationalversammlung durch, dass die alten Kirchhöfe in der Stadt zugunsten eines neuen Zentralfriedhofs aufgab. Ein Jahr später galt dieses Gesetz für alle französischen Städte, so auch für Paris wo ein Jahr nach Mainz der berühmte Friedhof "Père Lachaise angelegt" wurde. So war erneut das Heilige Tal eine Begräbnisstätte. Am 31. Mai 1803 wurde als erste Verstorbene die zweijährige Margaretha Hermann auf dem neuen Hauptfriedhof beigesetzt. Die ältesten heute noch erhaltenem Grabsteine stammen von 1805-1807.

Herbststimmung
Grab Familien Bachmann, Steigerwald, Lambri

Nachdem die alliierten Truppen die Große Armee von Napoleon vertrieben hatten, wurde Mainz zu einer der Hauptfestungen des Deutschen Bundes ausgebaut. Nun wechselten sich Militärs aus Österreich, Preußen, Hessen und Sachsen in der Besatzung der Stadt ab. All diese Truppen hinterließen ihre Spuren auf dem Hauptfriedhof in Form von Grabsteinen und Denkmälern. Dies gilt auch für die französischen Truppen als Besatzungsmacht in Mainz nach dem 1. Weltkrieg, darunter Soldaten aus Algerien und Marokko, die wegen des ungewohnt kalten Klimas eine hohe Mortalitätsrate aufwiesen. Dies ist der Grund, weshalb bei den französischen Soldatengräbern ismalische neben christlichen Grabsteinen zu finden sind. Auch die Spuren des 2. Weltkriegs sind durch Soldaten- und Bombenopfergräber belegt.

In unmittelbarer Nachbarschaft zum Hauptfriedhof liegt der Neue Jüdische Friedhof, der 1881 eröffnet wurde. Dieser setzte die Tradition des Alten Jüdischen Friedhofs in der Mombacher Straße fort und zeugt von der einst lebendigen über 1000jährigen jüdischen Tradition in Mainz. 2006 wurde die vom Stadtbaumeister Eduard Kreyßig 1880/81 gebaute Trauerhalle komplett renoviert.

Nicht nur die wechselhafte militärische Geschichte des 19. und 20. Jahrhundert ist auf dem Mainzer Hauptfriedhof belegt, sondern auch die des aufstrebenden Bürgertums nach der Niederlage von Napoleon. Obwohl Mainz gegenüber der Kurfürstenzeit erheblich an politischer Bedeutung verlor, wurden hier bedeutende Fabrikanten, Wissenschaftler, Musiker, Schriftsteller, Fastnachter und Politiker beerdigt, die das Geistes- und Gesellschaftsleben des 19. Jahrhunderts mit geprägt haben. Ihre Gräber sind teilweise in Form von pompösen Gruftanlagen noch überliefert, so z.B. die Grüfte von Kupferberg, Henkell (beide Familien gehören zu den bedeutendsten deutschen Sekthersteller) und Schott (einer der größten Notenblatthersteller weltweit). Die obere und untere "Gruftstraße" stellt deshalb eines der Highlights des Friedhofes dar. Insgesamt sind über 230 Grabsteine und Denkmäler auf demn Hauptfriedhof denkmalgeschützt. Obere Gruftenstraße
Aureus-Tor So ist ein Gang über den Mainzer Hauptfriedhof auch stets ein Gang durch die Stadtgeschichte, vermittelt der Mainzer Hauptfriedhof doch auf exemplarische Weise die wechselhafte Geschichte einer Stadt zwischen vielen Nationen, die seit der Gründung des Friedhofs wenigstens zehn Mal ihre Zugehörigkeit wechselte. Aus diesem Grunde ist der Mainzer Friedfhof auch ein Spiegelbild der europäischen Geschichte, die in Gräbern aus drei Jahrhunderten dokumentiert ist. Aufgrund dieser langen Zeitspanne ist eine Vielzahl von Sepulkral-Stilen auf dem Friedhof vorhanden. Diese reichen von einfachen Sandsteinen als Grabsteinen, einigen wenigen barocken Grabststätten, neugotischen und neoklassizistischen Grabanlagen sowie Jugendstilgräbern bis hin zu modernen Grabmälern. Das 1903 errichtete Krematorium sowie das Aureus-Tor von 1826 (freigelegt im Jahre 2004) sind seit dem Abriss der Aureus-Kapelle die einzigen verbliebenen historischen Gebäude auf dem Friedhof.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde im Mainzer Stadtrat diskutiert, den Hauptfriedhof zu Gunsten eines neuen Friedhofes in Drais zu schließen und den Bereich "Friedhof und Bestattung" zu den Entsorgungsbetrieben zu stellen. Beide Entwicklungen konnten verhindert werden, sodass auch weiterhin Bestattungen hier möglich sind. Organisatorisch gehört der Mainzer Hauptfriedhof heute zum Wirtschaftsbetrieb der Stadt Mainz.
Jüngste Entwicklungen sind die Einrichtung eines Sternengartens für Nicht- und Frühgeborene Kinder (zusammen mit der Initiative Trauernde Eltern e.V.), die Freilegung des Aureus-Tors, das Aufstellen von Historischen Informationstafeln, die alljährliche Ausrichtung des Tag des Friedhofs und die Mainzer Aureusnacht. All diese Entwicklungen wurden von Mitgliedern des Vereins entweder unterstützt oder in voller Verantwortung veranstaltet.
Sternengarten


Literatur:
Boerckel, Alfred (1903): Der Mainzer Friedhof. Seine Geschichte und seine Denkmäler. - Verlag der Stadt Mainz (Mainz), 101 Seiten.
Landesamt für Denkmalpflege (1986): Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Band 2.1 Stadt Mainz - Stadterweiterungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. - Wernersche Verlagsgesellschaft (Worms), 260 Seiten.
Krömer, Rupert & Theiss-Krömer, Sabine (Hrsg.) (2006): Ort der Stille. Von der Kraft der Endlichkeit. Verborgene Leidenschaften. 200 Jahre Mainzer Aureus - 2000 Jahre Heiliges Tal. Ein Bürgerprojekt. - Vitruv Verlag (Mainz), 465 Seiten.

Letzte Aktualisierung: 8. November 2006